Und sie schämeten sich nicht
Quelle: Ein Zweitausendjahr-Bericht, Joachim Fernau, 1980

In unser Leben ist etwas eingetreten, was kein Jahrhundert vor uns jemals gespürt hat: die Existenzangst. Es ist nicht die Furcht vor Gewalten, nicht die Bangigkeit vor Gott, nicht das Entsetzen vor Naturkatastrophen, nicht die Sorge vor Hunger und Not, nicht der Schrecken vor dem Feind, dem Krieg, dem gewaltsamen Ende. Das alles haben die Menschen immer gekannt. Kraft und List, Körper und Geist können es eindämmen, besiegen, ausschalten. Immer ist das Menschengeschlecht damit fertig geworden. Das also ist es nicht. Die Angst, die die heutige Zeit überfallen hat, ist das Entsetzen vor der offensichtlichen Grundlosigkeit unserer Existenz. Vor dem Ins-Leben-Geworfen-sein. Ein noch nie da gewesenes, wahnsinniges Gefühl! Es ist kein Zweifel: Eine Zeit, der ein solch fürchterliches Bewusstsein ans Herz greift, ohne noch ein seelisches Antitoxin hervorzubringen, befindet sich in einer Mutation der ganzen Spezies Mensch. Alles spüren es. Alle flackern.

Der Mann unserer Zeit ist Centaur: oben Mensch, unten Volkswagen. Das Gespräch des Mannes mit seinem Auto ist unvergleichlich nuancenreicher, vielseitiger und orgineller als das nächtliche Liebesgeflüster mit seiner Frau. Ich weiß nicht, ob die Nächte und Umarmungen schon so öde, so routinemäßig, so abboniert, so dümmlich, so simpel sind, wie sie Kinsey von Amerika berichtet. Ich weiß nur eins: Der Brunstschrei, den Sie in unseren Städten in allen Nächten hören, kommt nicht aus den Kemenaten. Der moderne Brunstschrei ist das Kreischen der Bremsen.

Es gibt für die Deutschen von übermorgen nur noch drei wahrhaft populäre Beschäftigungen: Entweder sie schlafen, oder sie saufen, oder sie fahren Auto. In diesem Sinne: Gute Nacht, meine Herren!

Psychotherapeuten und Seelenberater, die heute in der Welt ihre Buden aufgetan haben wie vor 400 Jahren die Hautärzte beim Ausbruch der Syphilis, geben ein erschreckendes Bild von der erotischen Melancholie der Frauen. Aus den Schafzimmern weht sie der Missmut an. Die Frauen wissen nicht mehr, wie das ist: wenn der Liebende sie mit seinem ganzen Schicksal und seinen Sinnen umkreist. Zeugung findet nur noch statt. Aber Zeugung und Liebe, ja sogar Zeugung und Wollust sind endgültig voneinander getrennt. Der Fortpflanzungstrieb beschränkt sich auf das erste Kind; es wird gezeugt wie ein Ersatzreifen.

Haben Sie es bemerkt: Das Volk singt nicht mehr. Bis zum 21. Lebensjahr pfeift es. Dann telefoniert es.

Der Mann des 20. Jahrhunderts, für den das monogame optische Zu sich nehmen von erotischen Interna zu einer gedankenlosen Gewohnheit wird wie das Atmen, befindet sich im Zustand eines verleckerten Kindes, das alle zehn Minuten ein Bonbonchen oder Schokolädchen isst und nie in den Genuss eines starken Hungergefühls kommt. Denn reißender Hunger, den man stillen kann, ist ein Hochgenuss!

Die Menschen - die Männer viel mehr als die Frauen - rennen heute aus den Häusern, wenn das Alleinsein droht, sie drehen das Radio an, wenn die Gefahr der Lautlosigkeit besteht, sie knipsen das Neonlicht an, wenn die Welt nicht mehr gut sichtbar ist. Die Existenzangst jagt sie in die Büros, in die Kneipen, in die Ablenkung, in jedes Kollektiv und in jede Versicherung. Sie sind dankbar für jede Stunde, die vorbei ist, und zittern zugleich bei dem Gedanken, dass ein Tag vergeht. So kommt ein indirektes Leben zustande. Die Fotos von einer Reise sind erregender als der Orginalanblick.

Ein Aktfoto ist nicht mehr wie einst Ersatz, sondern die bessere, die selbstgeschaffene Wirklichkeit, die genussreicher betrachtet wird als der lebendige Akt.

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis