Über die Dummheit
Quelle: Horst Geyer 1954

Es gibt zweifellos eine militante Form des Schwachsinns, für die das festgefügte Befehlsgebäude der militärischen Hierarchie einen willkommenen Ersatz des fehlenden eigenen Denkvermögens darstellt.

Heute habe ich für meine Person längst gelernt, innerhalb und außerhalb meiner Berufstätigkeit viel größeren Unsinn gelassen anzuhören und keine Diskussion zu beginnen, wenn mir eine einfache Überlegung sagt, dass Dummheit und Gefühl, nicht Logik und Verstand bei den vorgetragenen Ansichten Taufpate gestanden haben. Denn: Widerspruch hält nur auf.

Dumm geboren sind wir alle; es kommt darauf an, was wir dazugelernt haben und wie viel wir dazulernen konnten. Es werden keine Fertigkeiten, sondern nur Fähigkeiten vererbt.

Überschätzt wird meistens die Möglichkeit, die in der Erziehung der Kinder ruht. Guterzogene Kinder sind im Grunde gutgeartete Kinder. Das Wesentliche, was etwa die Familie einem Kinde auf den Lebensweg mitgibt, sind nicht die Ermahnungen und Verbote, die ihm aus dem Munde ihrer Erziehungsberechtigten zuteil werden, sondern es ist das Vorbild eines familiären Zusammenlebens, das Elternbild, wie es sich ihm nach der positiven oder negativen Seite zeigt, und die Gesamthaltung des Kreises, in dem ein Kind aufwächst.

Und so vollzieht sich auch manches pädagogischer Einwirkung zugeschriebene menschliche Fortschreiten nicht wegen, sondern neben, vielleicht auch hie und da trotz erzieherischen Bemühungen.

Pädagogie lernt man nicht und lehrt man nicht, Pädagoge ist man oder man ist es nicht. Wir Psychiater repräsentieren diejenige Wissenschaft, die im Grunde und der Natur der Sache nach nichts versteht - aber alles verzeiht.

Die erste große Torheit der biblischen Überlieferung, der Sündenfall, zeigt neben aller Symbolik psychologisch richtig die aktive Rolle Evas und die passive Adams. Ich muss immer lächeln, wenn ich von den armen verführten Mädchen lese und höre. Die unabhängig vom Intelligenzgrad bestehende Raffinesse auch junger Mädchen und die Torheit der mehr oder weniger jungen Kavaliere sind mir immer überzeugendere typische Konstellationen gewesen als die hingeopferte Mädchen Unschuld.

Das Geheimnis der richtigen Kindererziehung ist nichts anderes als die Kunst, das Kind in die Hand zu bekommen, solange es noch kein bewusstes Seelenleben hat. Die Mutter, dies es nicht fertig bringt, gegenüber dem Lungenübungsgebrüll und Lustgeschrei ihres Lieblings taub zu bleiben, die sich vielmehr mit dem ersten Quieksen ans Bettchen kommandieren lässt und das Bamms mit Schaukeln, Tragen und Eieien verwöhnt, begibt sich von vornherein der wirksamsten Voraussetzungen einer Seelenführung ihres Kindes. Wir wollen aber in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass die wirksamste Erziehungsarbeit durch die kindliche Geschwisterschaft durchgeführt wird - die wirksamste deshalb, weil sie sich unaufdringlich, ständig und - vor allem - Erziehern und Erzogenen völlig unbewusst vollzieht.

Hohe Intelligenz ist beim weiblichen Geschlecht am wenigsten erforderlich; ein munteres Wesen, ein spitzbübisches Schmollen, eine lachende Koketterie, eine harmlose Flirtbereitschaft - all das setzt keine Weisheit voraus. Wo allzuviel Gelehrsamkeit aus Mädchenmund erklingt, liegt der Verdacht nahe, dass die echten, eigentlichen Werte weiblicher Jugend mangeln.

Häufig genug werfen die jungen Mädchen ihr Studium über Bord, wenn der Mann kommt, der sie heiraten, zur Hausfrau und Mutter machen will; und ich habe mich immer gefreut, wenn ich Zeuge eines solchen Sieges der biologischen über die logische Weisheit geworden bin.

Kann es glückliche Ehen geben? Theoretisch, davon bin ich überzeugt, kann es das nicht. Der kluge Mensch lernt es, zu resignieren, was gelassenen Verzicht heißt unter dem Lächeln des weise Gewordenen. Dementsprechend ist die Voraussetzung der glücklichen Ehe die Resignationsfähigkeit beider Ehegatten - die Fähigkeit, einen oder mehrere Pflöcke zurückstecken zu können.

Trotz aller grauer Theorie aber kann es praktisch doch glückliche Ehen geben. Wo die Eheleute wissen, dass es nicht darauf ankommt ein Fleisch, ein Herz und eine Seele zu sein, und wo andere Güter das Dasein im Laufe der Zeit die problematische Zentralstellung der Sexualität in der Ehe einnehmen - das kann sehr vieles und sehr verschiedenes sein: Kindererziehung, Kunst, gemeinsamer Beruf, um nur ein paar Beispiele zu nennen - da, wo die Resignationsfähigkeit beider Gatten echteres gegenseitiges Verständnis verbürgt als die sogenannte Liebe. Eine solche sinnerfüllte Ehe ist etwas anderes als das einfache Auseinanderleben ohne gegenseitiges Verständnis - wenn das Leben der Frau unter dem Zeichen des Scheuerteufels steht und das des Mannes unter dem des Kegelklubs, des Alkohols und des Nikotins.

Drum prüfe, wer sich ewig trennt, ob er schon etwas Besseres kennt.

Der Spiegel, der das Bild einer schönen Frau am vorteilhaftesten zurückwirft, ist der männliche Hormonspiegel.

Gleichberechtigung der Frau ist nicht, wie törichte Suffragetten annehmen, ein Emporheben der unterberechtigten Frau an die Seite des Mannes, sondern das Herunterholen der bevorrechtigten Frau auf die Ebene des Mannes.

Was treiben wir den alle? Für wen schinden wir uns ab, eine karge, ständig durch Not und Krankheit bedrohte Galgenfrist? Für die Erben? Für das Finanzamt? Wofür wird gestapelt und gehortet, wo doch keiner etwas mitnehmen kann ins Grab? Wozu der Kampf und der Eifer? Wozu? Was ist das Ganze? Der Weise weiß es: Das Narrentreiben der Menschheit.

Hinge das Wohl der kranken Menschheit von den Theorien ab, die über ihre Krankheiten seit Hippokrates und früher von der wissenschaftlichen Medizin aufgestellt worden sind, so wäre das Menschengeschlecht zweifellos ausgestorben.

Die heilbaren Krankheiten gehen größtenteils von selbst durch die Behandlung oder auch trotz dieser in Genesung über. Jeder Patient will dem Tode am nächsten gewesen sein; niemand gibt sich damit zufrieden, leicht erkrankt gewesen zu sein.

Der Kassenarzt des 20. Jahrhunderts hat keine vornehme Lässigkeit mehr aufzuweisen. Entweder jagt er hinter den Scheinen her, um durch hastige Quantität auf Kosten der Qualität sein Dasein zu fristen, oder er kommt seine Lebtage nicht aus der größten Bedrängnis heraus.

Disziplin ist die Fähigkeit, dümmer zu erscheinen, als der Chef ist.

 

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