Aus dem Nichts - Über die Kreativität von Natur und Mensch
Quelle: Gerd Binnig, PIPER 1989

Ich sehe den Menschen nicht so, wie er heute oft gesehen wird: neben der Natur stehend. Wenn man der Natur heute sozusagen etwas Gutes antun will, dann sieht man sie als Partner des Menschen. Dies ist meiner Ansicht nach falsch. Wir sind nicht Partner, wir sind Teil der Natur. Wir sind ein Unterbegriff. Denn der Mensch unterscheidet sich ja in keiner Weise prinzipiell von der übrigen Natur. Dass wir den Menschen von der Natur abspalten und ihn über die Natur stellen, hat wohl eine seiner Wurzeln im Christentum, das ja den Menschen als etwas ganz Besonderes ansieht: Nur der Mensch hat eine unsterbliche Seele und sonst niemand und nichts, nur er ist Ebenbild Gottes. Den Menschen als etwas so Großartiges aufzufassen, halte ich für einen Irrweg, denn der Mensch ist Teil der Natur. Ich glaube deshalb auch, dass einige unserer Umweltprobleme zumindest nicht in dieser Form so gravierend existieren würden, wenn wir etwas mehr das Gefühl hätten, dass wir ein Bestandteil des Ganzen sind und nicht darüber stehen.

Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass tote Materie nichts Minderwertiges ist. In einem Stein z. B. sind alle Wunder dieser Welt enthalten, denn alle Naturgesetze (und damit alle Möglichkeiten, die aus ihnen resultieren können) spiegeln sich in ihm.

Der Mensch hat teil an der gesamten Evolution des Universums, denn er baut einerseits Maschinen und Gegenstände, die es vorher nicht gegeben hat, ermöglicht aber andererseits auch etwas prinzipiell Neues, indem er geistige Gebäude aufbaut, die vorher nicht existierten.

Logik ist so etwas wie das Skelett der menschlichen Intelligenz. Sie nimmt deshalb auch in der Kreativität des Menschen eine besondere Stellung ein.

Ein Punkt, der mir bei der menschlichen Kreativität besonders am Herzen liegt, ist der Wille zur Kreativität, dass ich oder eine Gruppe überhaupt kreativ sein will. So habe ich in Deutschland z. B. immer wieder einen sehr verkrampften Umgang mit Fehlern beobachten können. Man produziert natürlich unheimlich viele Fehler, wenn man versucht, kreativ zu sein. Da gibt es soviel Ausschuss. Aber die oft zu beobachtende, übertriebene Angst vor den Fehlern ist, finde ich, ein eher schlechter Grund, Kreativität zu scheuen. Man sollte zu Fehlern ein natürlicheres Verhältnis bekommen und einfach wissen, wie notwendig sie sind. Für mich ist das nur eine Aufklärungsfrage. Wir sollten erkennen, dass ein Fehler weder gut noch schlecht ist. Er ist einfach notwendig, wenn ich kreativ sein will. Unser verkrampftes Umgehen mit Fehlern hängt sicherlich mit unserer Erziehung oder Ausbildung zusammen und lässt sich als ein kollektives Phänomen beschreiben.

Meine Behauptung ist, dass wir weder zu Synthetikern noch zu Analytikern erzogen werden, d.h. dass wir Kreativität überhaupt nicht beigebracht bekommen, überhaupt nicht trainieren. Im Gegenteil: Wir bekommen in den meisten Fällen die Ergebnisse in der Schule und an der Universität vorgesetzt: Das sind neue Wirkungseinheiten, etablierte Wirkungseinheiten. Und es wird auch nie von uns verlangt, dass wir diese Ergebnisse hinterfragen. Eine solche Diskussion kommt wohl manchmal vor, aber sehr, sehr selten. Und dass wir gar aufgefordert würden zu "spinnen", irgend etwas Neues zu schaffen, ist eine echte Rarität. D.h. beides wird in unserer Ausbildung normalerweise vernachlässigt. Ich finde das enttäuschend, und mehr als das: Ich halte es für einen Fehler, den man sich immer weniger leisten kann.

Mensch und Natur kann man überhaupt nicht voneinander trennen. Es gibt keine prinzipielle Grenze zwischen Mensch und Natur. An der Umweltbelastung wird es einem ganz deutlich, dass momentan vor allem der Mensch sehr stark auf die belebte und die unbelebte Natur einwirkt. Dass das auch alle übrigen Lebewesen tun, ist einem manchmal nicht so klar.

Man kann nicht kreativ sein, wenn man nicht beschränkt ist. Zuviel Wissen kann für die Kreativität schädlich sein, besonders wenn man die mit dem Wissen verknüpften Denkweisen als unveränderlich ansieht. Deshalb tun sich oft die Spezialisten schwer, ihrem Fachgebiet grundlegend neue Impulse zu geben. Es gibt unzählige Beispiele dafür, dass Fachfremde ein Fach revolutioniert haben.

Wenn man kreativ ist, dann braucht man relativ viel Zeit. Ich bringe hier den Vergleich mit eine Expedition durch den Dschungel an, den ich von Professor Fischer habe. In solchen Situationen fragt er seine Leute: "Wollen wir zusammen in den Busch gehen?" Er wisse nicht genau, ob sie da auch wieder herauskämen. Und genauso ist es: Man fängt einen Weg an und weiß gar nicht: Führt er zum Ziel? Man geht im Zickzack, weil man ja nie genau weiß, ist der Weg richtig oder falsch. Sehr mühsam schlägt man sich mit dem Buschmesser den Weg frei. Es geht nur sehr, sehr langsam voran.

Ein weiterer Punkt: die Verletzbarkeit. Einer, der kreativ ist, ist natürlich sehr verletzbar, weil er gar nichts Konkretes sagen kann. Wie soll er sich verteidigen, wenn er angegriffen wird? Er hat ja nichts in der Hand, mit dem er sich verteidigen könnte. Es gibt immer wieder Leute, die weniger kreativ sind und diese Schwächen der Kreativen erkennen und sagen: "Na, jetzt hacke ich mal schön auf ihm herum."

Die Liste der Minuspunkte geht noch weiter. Die Kreativitätsversuche werden leider in unserer Ausbildung, das habe ich schon mehrfach betont, nicht honoriert oder gefördert. Richtige Wege zu honorieren ist schwierig, weil die Beurteilung von kreativen Verhaltensweisen äußerst schwierig ist. Aber wenn jemand überhaupt versucht, kreativ zu sein, sollte man das honorieren und fördern. Das ist meines Erachtens noch nicht der Fall.

Nach meiner Meinung kann individuelle Kreativität genauso gelernt werden wie alle anderen Denkstrukturen. Ich glaube, dass wir durch das Lehren von Kreativität an unseren Schulen Arbeitslosigkeit drastisch reduzieren könnten. Unkreatives Denken verlangt nach Fragen, die zu beantworten sind, nach Arbeitsaufträgen, die zu erfüllen sind. Kreatives Denken stellt die Fragen, sucht sich selbst die Arbeitsaufträge.

Zur Kreativität gehört, dass man sich zeigt, wie man ist. Dann geht man einen individuellen Weg und fällt damit etwas aus dem Rahmen, ist orginell, also kreativ. Uns wird viel mehr verziehen, als wir glauben, falls wir uns selbst verzeihen. Dazu gehört die Einsicht: Fehler sind notwendig. Sobald man kreativ sein will, gehört es zum System, Irrwege zu gehen und "Unsinn" zu produzieren. Sobald man das einsieht, fällt es einem leichter, sich selbst und anderen zu verzeihen.

Ich glaube, wir schaden uns, wenn wir unsere heutige Situation als außergewöhnlich und "unnatürlich" hinstellen. Wir verpassen damit die Chance, aus der Geschichte der Natur zu lernen. Die Natur hat aus den fürchterlichsten Katastrophen und Notsituationen herausgefunden. Wir sollten diese besser studieren und versuchen, daraus für unseren Fall Lehren zu ziehen.

Ohne Kreativität gäbe es uns überhaupt nicht, denn Kreativität ist die Fähigkeit zur Evolution, und ohne Evolution gäbe es kein Leben und keine Menschheit. Wer Kreativität ablehnt, der verleugnet sich selbst. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Wer technologischen Fortschritt generell ablehnt, der verleugnet sich selbst. In der Evolution des Lebens sind nämlich Entwicklungen notwendig gewesen, die unseren technologischen Errungenschaften äußerst ähnlich sind. Was die Menschheit braucht, ist doch eine ihr nützliche und nicht schädliche Evolution. Es muss eine Evolution sein, in der die Menschlichkeit im Vordergrund steht und in der wir über die nächsten Wochen unseres Lebens hinausdenken.

Deutsche Firmen haben schon oft in den letzten Jahren wichtige technologische Entwicklungen verschlafen. Ich bin davon überzeugt, dass dies nicht passiert wäre, hätten zumindest einige der großen deutschen Firmen bedeutende Grundlagenforschungsabteilungen. Ich habe den Eindruck, dass ganz allgemein die Bosse der deutschen Industrie keine Visionen haben, kein Zukunftsgefühl.

Wir Deutsche tun uns schwer mit Management. Wir haben ein sehr ungutes Verhältnis zur Hierarchie. Chefs sehen ihre Angestellten oft als Befehlsempfänger, Untergebene kommen nicht auf den Gedanken, dass ihr Chef auch ein hilfebedürftiger Mensch ist, auf konstruktive Kritik angewiesen. Macht wird zu oft missbraucht, um Macht zu demonstrieren: Imponiergehabe statt konstruktiven Zusammenwirkens im Fraktal. Das beste, was einem als Chef passieren kann, ist doch, dass die Leute kritisieren, was ihnen nicht gefällt. Erhält man diese Rückkopplung von seinen Leuten nicht, dann macht man sicherlich etwas falsch.

 

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