LogOut - Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben und andere High-Tech-Ketzereien
Quelle: Clifford Stoll, Fischer Verlag 2001

Meine Skepsis entsteht aus meiner Liebe zum Computer, aus dem Wunsch, unsere technologische Welt menschengerechter zu machen anstatt die Menschen maschinengerechter.

Man muss sehr genau unterscheiden zwischen der Möglichkeit, Zugang zu Informationen zu haben, und der Fähigkeit, die man braucht, um sie zu interpretieren. Kinder, die nicht kritisch denken können, sitzen ahnungslos vor dem Monitor und verwechseln Form mit Inhalt, Sinn mit Sinnlichkeit und aufgeblasene Wörter mit gewichtigen Gedanken.

Viele wären glücklich, wenn sie schon als Kind ein Musikinstrument oder Sprachen hätten lernen können. Ich habe aber noch nie von jemand gehört, der sich darüber beklagt hätte, als Kind zu wenig mit Computern oder Fernsehgeräten zu tun gehabt zu haben. Was bringt größere Vorteile im Berufsleben: langjährige Computererfahrung bis zur Beherrschung einer Programmiersprache oder fließend Japanisch, Englisch, Französisch oder Chinesisch sprechen können?

Wer profitiert vom Trend zum Computer? Natürlich die Firmen, die die Klassenzimmer verkabeln und vernetzen, dann natürlich die Telefongesellschaften, die Internet-Provider und die Medien-Produzenten.

Die Konzerne haben den idealen elektronischen Zugang zu den Klassenzimmern gefunden, den perfekten Weg, um Kinder gezielt auf Süßigkeiten und modische Kleidung scharf zu machen.

Ich glaube aber, dass es den besten unter den Lehrern um etwas anderes geht: um die Rückmeldung auf den Unterricht - ein Lächeln, ein "Kapiert!". Gerade das geht aber durch die Technisierung der Schule verloren.

Das große Geheimnis der Computerisierung des Unterrichts ist, dass die Technologie die Zeit der Lehrer verschwendet - im Klassenzimmer und außerhalb.

Laptops sind weit kurzlebiger als Bücher. In den Händen von Kindern überleben sie kaum ein Jahr. Anders als Lehrbücher sind Computer Wertgegenstände.

Die Lehrer sind in der Cyberschule natürlich nur ein unnötiges Anhängsel. Sie werden nicht mehr gebraucht, wenn jeder Schüler in seinem System per Tastendruck Spaß und Multimedia-Gags abruft.

Was wirklich immer kleiner geworden ist, ist der Ausschnitt, den wir Amerikaner von der Welt wahrnehmen: Wir können keine Fremdsprachen, wir weigern uns, Nachrichten aus dem Ausland zu lesen, und uns fehlen die Grundlagen, um fremde Kulturen zu verstehen.

Unser eigener Verfall - und der aller Lebewesen - vollzieht sich auch ohne Plan. Warum sollte das bei Computern anders sein? Vielleicht erklärt das, warum die häufigsten "Informationen" im Internet Geburtsanzeigen ("Diese Seite ist gerade im Aufbau begriffen") und Todesanzeigen ("Error 404: file not found") sind.

Ein dreißig Jahre altes Radio mag noch immer Musik spielen, aber eine zehn Jahre alte CPU kann keine MP3-Datei in einem Punkrock-Album öffnen. Wir wollen veraltete Schulbücher loswerden - und geben dafür unseren Schülern veraltete Computer in die Hand!

Das ist PowerPoint: ein langweiliger Diavortrag, ergänzt mit belanglosen Knalleffekten. PowerPoint ist der Feind jeden guten Vortrags. Was motiviert Zuhörer? Emotionen, Leidenschaft, Feuer, Aufregung, Anteilnahme. Ein Kongress, der von PowerPoint-Vorträgen bestimmt wird, bietet kalte vorprogrammierte Videobilder.

 

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