Die zweite Aufklärung
Quelle: Neil Postman, Berliner Taschenbuch Verlag, 2001

Jean Baudrillard, ausgerechnet ein Franzose, sagt, dass nicht nur die Sprache auf verfälschende Weise die Realität wiedergibt, sondern mehr noch, dass es überhaupt keine Realität gebe, die man wiedergeben könne.

"Die intellektuelle Kraft, Ehrlichkeit, Klarheit, Courage und selbstlose Wahrheitsliebe der begabtesten Denker des achtzehnten Jahrhunderts sind bis heute ohne Parallele. Ihr Zeitalter ist eine der besten und hoffnungsvollsten Episoden im Leben der Menschheit."

Ich plädiere nur für den Gebrauch gelassener Vernunft gegenüber dem Furor technologischer Innovationen.

Wir haben eine Verantwortung gegenüber uns selbst und gegenüber unseren Institutionen, die größer ist als unsere Verantwortung gegenüber dem Potenzial von Technologien.

Hat man erst einmal die Frage beantwortet, welches das Problem ist, für das eine bestimmte Technologie die Lösung wäre, dann ist es klug, gleich als nächstes zu fragen: Wessen Problem ist es?

Die meisten Technologien lösen irgendein Problem, aber es könnte sein, dass es nicht jedermanns oder auch nur der meisten Leute Problem ist.

Das führt zu einer dritten Frage, die mit der zweiten in Zusammenhang steht, aber doch etwas weiter geht: Welche Leute und Institutionen werden durch eine neue technologische Lösung am stärksten geschädigt?

Mit Sicherheit gibt es keinen schlüssigen Beweis dafür, dass irgendeine Anwendungsform der Computertechnologie für Kinder tun könnte, was gute und gut bezahlte Lehrer für sie tun könnten. Wo aber bleibt der Aufschrei der Lehrer?

Das Fernsehen hat eine Reihe wichtiger Probleme gelöst, aber dabei die Art des politischen Diskurses verändert, zu einem ernsten Rückgang der literarischen Bildung geführt und sehr wahrscheinlich den traditionellen Prozess der Sozialisation von Kindern unmöglich gemacht.

War es wirklich unvermeidlich, dass im Jahre 1995 amerikanische Kinder 5000 Stunden vor dem Fernseher zugebracht haben, bevor sie auch nur in die erste Klasse eingeschult wurden, und 19000 Stunden am Ende der weiterführenden Schule, und dass sie mit zwanzig Jahren 600000 Werbespots gesehen haben?

Nicht die menschliche Natur ist es, was uns Sorgen macht, sondern vielmehr, welcher Teil unseres Menschseins von der Technologie verstärkt wird.

Die Bücher, die Professoren schreiben, sind nicht besser als früher; ihre Ideen sind ein bisschen weniger interessant, ihre Gespräche eindeutig weniger faszinierend, und für ihre Lehre gilt in etwa dasselbe. Was die Studierenden angeht, schreiben sie schlechter als früher, und das Überarbeiten eines Textes ist ein Konzept, das ihnen fremd ist. Mit dem, was sie sagen, steht es in etwa genauso, nur dass es mit der grammatikalischen Korrektheit vielleicht ein bisschen bergab gegangen ist.

In einer Welt der fotografischen Bilder, schreibt Susan Sontag, "erscheinen alle Grenzen als etwas Willkürliches. Alles kann isoliert und ohne Zusammenhang mit etwas anderem dargestellt werden: Nötig ist nur, dass der Bildgegenstand anders gerahmt wird." Sontag meint damit die Fähigkeit der Fotografie zu einer besonderen Art von Realitätszerstückelung, des Herausreißens einzelner Momente aus ihren jeweiligen Zusammenhängen und des Nebeneinanderstellens von Ereignissen und Dingen, zwischen denen es keinen logischen oder historischen Zusammenhang gibt.

Die erzählungslose Information ist eine Erbschaft des neunzehnten, nicht des achtzehnten Jahrhunderts. Sie entstand als Konsequenz eines außerordentlichen Bemühens, das Problem der Langsamkeit bei der Übermittlung von Nachrichten zu lösen.

Der springende Punkt ist, dass wir zwar das Problem der kontinuierlichen, schnellen und variantenreichen Informationsübermittlung gelöst haben, aber zumeist nicht wissen, was wir mit ihr anfangen oder wie wir damit fertig werden können - es sei denn, dass wir auch ins einundzwanzigste Jahrhundert hinein damit fortfahren, ein Problem des neunzehnten Jahrhunderts zu lösen, das bereits gelöst ist.

Ich glaube, dass Zeitungen anfangen müssen, ihre Aufgabe nicht nur als Wissensvermittler zu sehen, sondern auch als Erkenntnisvermittler. Ich verstehe unter Erkenntnis die Fähigkeit zu unterscheiden, welcher Informationsgehalt für die Lösung eines wichtigen Problems relevant ist.

Eine Meinung kann jeder Dummkopf haben; um zu wissen, was man wissen muss, um sich eine Meinung zu bilden, ist Erkenntnis. Anders gesagt: Erkenntnis heißt, dass man weiß, welche Fragen man an das Wissen stellen muss.

Die ganze Idee der Schulbildung besteht heutzutage darin, die Jugendlichen für ihren Eintritt in das Wirtschaftsleben ihrer Gesellschaft kompetent zu machen, so dass sie auch weiterhin hingebungsvoll Konsumenten sein werden.

Ein Kind ist ein ökonomisches Wesen, nicht anders als ein Erwachsener, dessen Wertempfinden zur Gänze von seiner Fähigkeit geformt wird, sich materielle Vorteile zu sichern, und dessen Zweck darin besteht, die Marktwirtschaft anzuheizen.

Wenn Frauen ihren Platz in der Wirtschaft, in den Künsten und als Freiberufler finden, kann nicht ausbleiben, dass Kraft und Bedeutung traditioneller Muster der Versorgung von Kindern bedenklich zurückgehen.

Die schwindende Autorität der Schule ist offensichtlich, und was noch schlimmer ist, es wird, wie schon gesagt, weit gehend akzeptiert, dass die Schule nur einen einzigen Zweck hat - nämlich die Kinder auf die Arbeitswelt der Erwachsenen vorzubereiten. Die Frage, wie man die Seelen der Schüler nährt - beispielsweise durch Kunst -, oder wie man den Geschmack kultiviert (so dass sie, mit Karl Kraus gesprochen, den Unterschied zwischen einem Nachttopf und einer Urne kennen), oder wie man einen reflektierenden Patriotismus weckt (so dass weiterhin ein Interesse daran besteht, zu erfahren, wie und weshalb das eigene Land entstanden ist), oder wie man wissenschaftlich denkt (so dass begriffen wird, dass wissenschaftliches Denken nicht allein Sache von Wissenschaftlern ist und dass es wenig mit Technologie zu tun hat) - diese und andere Unterrichtsthemen sind zurückgedrängt und gelten für eine Erziehung von Konsumenten und Arbeitssuchern als redundant.

Begriffen unsere Schulen jedoch, dass der Computer kein Werkzeug, sondern eine Philosophie des Wissens ist, gäbe es wirklich etwas zu unterrichten.

Es liegt etwas auf ironische Weise Tröstliches in der Tatsache, dass wir noch immer unter dem Technologie-Schock des zwanzigsten Jahrhunderts leiden, der unser Gehirn so stumpf gemacht hat, dass wir Mühe haben, einige der geistigen und gesellschaftlichen Trümmer zu bemerken die unsere Technologie um uns verstreut hat.

Fünfundvierzig Jahre lang habe ich nun herauszufinden versucht, weshalb in der Schule das Fragenstellen nicht als ein Kernthema des Unterrichts gilt. Keine der Antworten, die mir dazu durch den Kopf gegangen sind - unter anderem intellektuelle Unschuld von Lehrern, das Fehlen von Prüfungsmodellen, um Kompetenz in dieser Fähigkeit zu messen, der Umstand, dass die Lehrer selbst dieses Thema in ihrer Schulzeit nicht gelernt haben, und auch die Tatsache, dass die Schule traditionellerweise als Ort gilt, wo Schüler Antworten lernen, nicht aber die Fragen, denen diese Antworten entspringen - reichen hin, um diese Tatsache zu erklären. Möglicherweise wissen Lehrer und Schulverwaltungen intuitiv, dass ein ernsthafte Beschäftigung mit der Kunst und Wissenschaft des Fragenstellens politisch explosiv ist, und weichen ihr deshalb aus.

Auch wenn die beiden anderen Fächer, Logik und Rhetorik, heutzutage gelegentlich unter anderen Namen firmieren - zum Beispiel praktisches Urteilen, Semantik und allgemeine Semantik -, schlage ich vor, ihnen, wie immer wir sie nennen mögen, einen prominenten Platz im Lehrplan einzuräumen. Bei diesen Unterrichtsgegenständen geht es um die Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit; sie handelt von der Unterschieden verschiedener Aussagearten, vom Wesen der Propaganda, von den Möglichkeiten, den Wahrheitsgehalt einer Aussage zu prüfen, und von so ziemlich allem anderen, das man wissen muss, um auf disziplinierte Weise die Sprache zu benutzen - und zu merken, wenn andere das nicht tun.

Niemand kann irgend etwas so sagen "wie es ist". Zunächst einmal ist es gar nichts, bevor jemand ihm einen Namen gegeben hat. Zweitens gibt es die Art, in der "es" seinen Namen erhält, nicht zu erkennen, wie es ist, sondern wie es der Namensgeber sehen will oder zu sehen fähig ist. Und drittens wird die Benennung zur Wirklichkeit all jener, die den Namen akzeptieren. Unsere Wirklichkeit muss das aber keineswegs sein.

Technologieerziehung: Fünfundvierzig Millionen Amerikaner haben bereits irgendwie herausbekommen, wie man mit Computern umgeht, ohne dass ihnen die Schulen dabei geholfen hätten. Auch wenn die Schulen in den kommenden zehn Jahren in dieser Hinsicht nichts tun, wird jeder wissen, wie man Computer benutzt. Was die Menschen aber nicht wissen werden, ist, wie es um die psychischen, gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen neuer Technologien gestellt ist - egal, ob es sich um das Automobil, den Film oder das Fernsehen handelt. Und das ist ein Thema, das in den Schulen eigentlich im Zentrum stehen müsste.

Hinzugefügt sei, dass mir auf Grund meiner eigener Beobachtung von Schülern in anderen Ländern amerikanische Schüler in Bezug auf die Geschichte der Technik und ihrer Folgewirkungen als die unwissendste Gruppe vorkommen, der ich begegnet bin.

Mir geht es darum, dass die Technologieerziehung, wenn sie Bestandteil des Lehrplans wird, das Ziel haben muss, den Schülern beizubringen, Technik zu benutzen, statt von ihr benutzt zu werden. Und das bedeutet, dass sie wissen müssen, wie der Einsatz der Technik sich auf die Gesellschaft, in der sie leben, sowie ihr persönliches Leben auswirkt.

In der Tat halte ich ein historisches Bewusstsein für die allerwichtigste Idee, die unsere Jugend in die Zukunft mitnehmen soll. Ich nenne sie eine Idee und nicht ein Unterrichtsfach, weil jeder Unterrichtsgegenstand eine Geschichte hat und seine Geschichte ein integraler Bestandteil des Fachs ist. Geschichte, könnte man sagen, ist ein Meta-Thema. Niemand kann adäquates Wissen über ein Thema für sich beanspruchen, wenn er nicht weiß, wie es zu diesem Wissen gekommen ist.

Das Fernsehen löscht die Trennlinie zwischen Kindheit und Erwachsenensein auf zweierlei Weise aus: Es verlangt keine Bildungsvoraussetzungen und es trennt sein Publikum nicht. Folglich kommuniziert es dieselbe Information an jedermann gleichzeitig, ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht oder Bildungsgegenstand. Der Hauptunterschied zwischen einem Erwachsenen und einem Kind, könnte man sagen, besteht darin, dass der Erwachsene gewisse Facetten des Lebens kennt - seine Mysterien, seine Widersprüche, seine Gewalt, seine Tragödien -, von denen man meint, dass sie für Kinder nicht zuträglich seien. Im Zuge es Erwachsenenwerdens enthüllen wir den Kindern diese Geheimnisse auf behutsame Art und Weise. Deshalb gibt es so etwas wie Kinderliteratur. Das Fernsehen macht dieses Arrangement jedoch unmöglich. Weil das Fernsehen praktisch rund um die Uhr operiert, erfordert es eine konstante Versorgung mit neuen und interessanten Informationen, um sein Publikum an sich zu binden. Das bedeutet, dass sämtliche Geheimnisse der Erwachsenen - gesellschaftliche, sexuelle, körperliche und andere - darin aufgedeckt werden. Das Fernsehen zerrt praktisch die ganze Kultur ans Licht der Öffentlichkeit und bricht jedes Tabu. Inzest, Korruption, Sadismus - alles und jedes ist inzwischen ein Thema dieser oder jener Fernsehshow. Und dabei verliert es selbstverständlich seinen Status als Geheimnis der Erwachsenen. Die Folge ist, dass sich die Unschuld der Kindheit nicht mehr halten lässt, weshalb auch Kinder im Fernsehen nicht mehr vorkommen. Tatsächlich werden alle Kinder in Fernsehshows nur als kleine Erwachsene abgebildet, in der Art der Gemälde des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts. In jeder Seifenoper oder Familienshow oder Sitcom sind Kinder zu sehen, deren Sprache, Kleidung, Sexualität und Interessen von denjenigen der Erwachsenen in diesen Shows kaum unterscheiden.

Das Fernsehen scheint eine Bevölkerung vorzuziehen, die aus drei Altergruppen besteht: am eine Ende die frühe Kindheit - am anderen das Greisenalter; dazwischen eine Gruppe unbestimmten Alters, wo jeder zwischen zwanzig und dreißig ist und dies so lange bleibt, bis sich der Altersschwachsinn herabsenkt.

Ich glaube, dass das Fernsehen einen Kommunikationskontext herstellt, der die Idee fördert, dass Kindheit weder wünschenswert noch nötig ist; ja dass wir keine Kinder brauchen.

 

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