Wenn uns die Arbeit ausgeht
Quelle: Bernd Guggenberg, Carl Hanser Verlag 1988

Leben wir, um zu arbeiten? Oder ist es umgekehrt? Arbeiten wir, um zu leben? Leben wir, wenn wir arbeiten, und arbeiten wir vielleicht auch, wenn wir leben? Ist Leben mit Arbeiten vereinbar oder gar identisch, ganz oder teilweise, und Arbeiten mit Leben?

Wir produzieren schneller und mehr, als wir absetzen können. Wert und Fruchtbarkeit der Arbeitsstunde erweitern sich explosionsartig und bescheren uns ein ständig sich vergrößerndes Ungleichgewicht zwischen Produktion und Verbrauch.

Das Recht auf Arbeit bedarf der Ergänzung, vielleicht schon der Ersetzung durch die Pflicht zur "Muße". Wollen wir verhindern, dass eine Zweiklassengesellschaft aus Arbeitslosen und Arbeitsbesitzern entsteht, wollen wir verhindern, dass Millionen von Menschen ins gesellschaftliche Abseits geraten, während andere sich in einem strapaziösen Arbeitsprozess aufreiben, dann gibts nur eins: weniger arbeiten und weniger Arbeit auf mehr Schultern verteilen.

Wir sind in den letzten 200-300 Jahren so gründlich durch die Schule der Arbeit gegangen, haben uns so sehr mit ihr eingelassen, dass wir kaum mehr über sie hinauszudenken vermögen. Wir haben nur noch Augen und Ohren für die Arbeit, ihre Erfordernisse und das, was durch sie unmittelbar bewirkt und ermöglicht wird: Konsum, Verzehr ihrer Hervorbringungen.

Was einer (beruflich) tut, entscheidet für die meisten noch immer, wer einer ist. Von der beruflichen Tätigkeit her wird der Mensch aufgerollt.

Das Phantasieverdikt und die Denkverbote der Arbeitsgesellschaft greifen schon früh. Von der trockenzulegenden Pinkelpuppe über den aseptischen Erste-Hilfe-Koffer bis zum Führerhaus im ferngelenkten Bagger - die Ernstzeugwelt unserer Kinder ist nur der billige Abklatsch der einseitig zugerüsteten Erwachsenenwelt, Spielen nur die Sandkastenvariante des Arbeitens und Konsumierens.

Nicht die Schwielen an den Händen sind unser Problem, sondern die Hornhaut auf der Seele.

Wie wär's mit Erwachsenen, die näher zusammenrückten, die mehr lebten und liebten, mehr kochten und mehr miteinander sprächen, statt allabendlich vor dem neuen Großbildschirm zu sitzen (weil der "neue Arbeitsplätze" bringt!) und das Leben an sich vorbeirauschen zu lassen? Wie wär's am Ende gar mit ein bisschen mehr Schönheit, ein bisschen weniger Dummheit, ein bisschen mehr Geselligkeit, ein bisschen weniger Einsamkeit und Verzweiflung?

Wir dürfen nicht mehr darin fortfahren, wie unsere Eltern und Großeltern, die sich immerhin noch auf ihr geringes Wissen und Vorauswissen berufen möchten, die Gegenwart einfach als "Müllhalde der Zukunft" (U.K. Preuß) zu konzipieren, als eine hochgiftige und entsprechend kostenträchtige obendrein.

Was kann es Entlarvenderes geben, als wenn der Arbeiter von der Nicht-Arbeit als seiner "freien Zeit" spricht? Ist er, während er arbeitet, ein Gefangener? Was die Arbeit heute so unerträglich macht, ist die systematische Trennung von Arbeit und Vergnügen.

Er verstehe nicht, meinte scheinheilig Mark Twain, wieso Tüten-Kleben Arbeit sei und Mont-Blanc-Besteigen Sport. Wir dürfen als gewiss unterstellen, dass er ganz gut verstanden hatte.

Wir haben die Arbeit hart, allzu hart vom "Vergnügen", oder allgemeiner: von allem, was nicht unmittelbar zu ihr gehört, getrennt. Wir haben ihr mit dem Seziermesser des rationalen Effektkalküls alles amputiert, was sie einst affektiv so reich erschienen ließ.

Der Prozess der Rationalisierung hat das große Heer der arbeitenden Menschen an den Rand der Produktion abgedrängt, auf die von der Maschine übriggelassene Restarbeit beschränkt - einen kargen, armseligen, immer dürftiger werdenden Rest an den Nahtstellen einer heute überwiegend computergestützten Fertigung.

Wer weniger arbeitet, dafür aber mehr Zeit hat für die eigenen Belange, der hat letztlich vielleicht auch mehr vom Leben und muss sich auch finanziell gar nicht einmal schlechter stellen! Denn die hoch professionalisierte und -spezialisierte Umtauschmaschinerie, mit der wir tagtäglich Geld- in Zeitanteile transferieren, arbeitet ja keineswegs zum Nulltarif.

Wahrscheinlich arbeiten wir nicht zuletzt deshalb so viel, weil unsere Freizeit so viel kostet; und ächzen deswegen notorisch unter Freizeitmangel, weil wir so viel arbeiten und unsere arbeitsförmig organisierte, kosten- und leistungsintensive Freizeitnutzung uns so viel Geld kostet.

Wir treiben so viel Sozialaufwand, weil wir so viel arbeiten; und wir arbeiten nicht zuletzt deshalb so viel, weil unsere Gesellschaft einen so hohen Sozialbedarf hat. Eine Gesellschaft, die weniger und anders arbeitet, hat nicht mehr, sondern weniger Sozialstaat nötig, nicht mehr, sondern weniger Ausgleichs-, Absicherungs- und Wiederherstellungsstaat.

Eines unserer Wahrnehmungsprobleme mit Blick auf den wirklichen Charakter dieser Krise besteht darin, dass wir das längst Exzeptionelle zum Normalfall dogmatisiert haben: Wir tun so, als sei Wachstum, stetige Expansion, steigende Nachfrage nach Arbeit und Gütern, wie wir sie in den letzten vierzig Jahren zumeist erlebten, das Normale; das Exzeptionelle, Erklärungsbedürftige dagegen bleibt das Ausbleiben dieses Wachstums. Ich fürchte, hier lässt uns das Gedächtnis im Stich; ich fürchte, es ist eher umgekehrt: Die unvergleichliche Wachstumsperiode der Anfangsjahrzehnte unserer Republik ist die Ausnahme, welche der Erklärung bedarf. Trifft dies zu, dann wird alle Politik, welche sie zum Normalfall dogmatisiert, zum Niveaupegel, an dem man Erfolg oder Scheitern abliest, zwangsläufig Enttäuschung und Frustrationen befördern; trifft dies zu, dann ist alle Politik, welche auf der Erwartung stark steigenden Wirtschaftswachstum und stark steigender Einkommen aufruht, zum Scheitern verurteilt, weil ihre Prämissen falsch sind; trifft dies zu, dann ist auch eine Sozialpolitik, die auf ein hochtourig laufendes Wirtschaftssystem abgestimmt ist, auf Dauer nicht finanzierbar.

Jede Erhöhung der sozialen Leistungen bedeutet eine noch größere Erhöhung der in Beiträgen und Steuern zu erbringenden Abgabelasten. Längst halten Wirtschaftswachstum und kollektiver Sozialaufwand keinen Gleichschritt mehr.

Spontane Initiativen, Kollektive, Selbsthilfegruppen, Nachbarschaftshilfe, Schwarzarbeit, all das sind Notventile und Puffer, die gewiss keine Alternative zum Leistungs- und Sozialstaat beschreiben; die aber, wenn man sie begünstigt, als Katalysatoren einer neuen "sozialen Verdichtung" (Pierre Rosanvallon) der Gesellschaft wirken können - und die damit die "Staatsnachfrage" entlasten.

Ist die Vermutung wirklich so abseitig, dass der Lohnbescheid, die Gasrechnung, die Kindergeldanträge und die Kapazitätsermittlungsbögen in erster Linie deshalb für den Normalverbraucher kaum noch lesbar, geschweige denn nachvollziehbar sind, weil sich hierin die heimliche Interessenwahrung ganzer Berufsstände ausdrückt - durch nichts anderes als die selbstgeschaffene Komplexität in Lohn und Brot gehalten?

Was ist letztlich der Raubbau an den Rohstoffen der Natur, verglichen mit dem Raubbau an unseren Sinnen- und Seelenkräften, mit dem Raubbau an Gefühl und Gemüt, an Phantasie und Tatkraft?

Nicht die "Priesterherrschaft der Intellektuellen" (Helmut Schelsky) ist angesagt, sondern die barbarische Profanherrschaft der Lebens- und Erlebnissimulanten. Wir alle haben unsere Ersatztäter und Stellvertreterhelden, die für uns leben und lieben, siegen und untergehen.

Nur Freizeit, die nichts oder ganz wenig kostet, löst sich und befreit uns wirklich aus den Fesseln der Arbeit. Freizeit die teuer ist, ist stets mit Arbeit erkauft.

Noch klingen Prognosen abenteuerlich, die besagen, es könnte schon bald üblich werden, dass in unserer Gesellschaft statt Entgelt für Arbeit Prämien für den freiwilligen Verzicht auf Arbeit gezahlt würden.

Für die Langeweile in der Arbeit sind andere verantwortlich, an der Langeweile der Freizeit bin ich selbst schuld.

Nicht die Langeweile ist das Problem, sondern unsere Ungeduld, ihr zu entkommen; nicht der Stillstand der Zeit, sondern unsere Unfähigkeit, stillzustehen und ihm standzuhalten. Der Geistes- und Gemütszustand von Rummelpatzbesuchern ist uns zur dauerhaften Stimmungsnorm geworden.

Fehlt die Arbeit, reicht zur Not auch der Schein der Arbeit. Die bürokratischen Nachlaßverwalter der Arbeitsgesellschaft haben ein gerüttelt Maß an Routine entwickelt, unseren Arbeitsillusionen die Konfrontation mit der Wirklichkeit zu ersparen. Arbeit zu inszenieren, wo sie schwinden könnte, ist ihre Profession, Notfalls genügt der Entwurf eines sechseitigen Fragebogens, um einen ganzen Berufsstand in Brot und Funktion zu bringen oder zu halten.

Das Prinzip ist: Wir perfektionieren die Maschinen und bornieren die Menschen, die an diesen Maschinen arbeiten.

Es gibt, ganz stark vereinfacht, zwei Sorten von Zeitgenossen: Aktive und Passive, Autonome und Heteronome, zur Initiative Fähige und apathisch Reaktive.

 

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