Der betörende Glanz der Dummheit
Quelle: Esther Vilar 1990

Die Intelligenz des Computers ist die Dummheit des Menschen.

Ein dummer Mensch ist unorginell, unkreativ, humorlos und gegenüber anderen - in die er sich ja mangels Feingefühl nicht hineinversetzen kann - mitleidlos, rücksichtslos und intolerant.

Es gibt keine phantasielosen, unsensiblen Kinder. Wie phantasievoll einer im späteren Leben sein wird, ist - stark vereinfacht - abhängig von der Quantität und Qualität der Anregungen, die seine angeborene Phantasie erhält; wie viel Sensibilität er entwickelt, von der Quantität und Qualität der Verletzungen, die man seiner Psyche zufügt.

Hier liegt vermutlich der Schlüssel zur geringeren Intelligenz außerordentlich schöner Menschen: Sie werden seltener verletzt.

Gehorsam - vom Befehlenden heute "Befähigung zur Teamarbeit" genannt - bedeutet auch, dass einer imstande ist, eigene Ideen in den Hintergrund zu stellen. Und ist es nicht einfacher, wenn er gar keine hat?

Da aus den hartgesottensten, unermüdlichsten und leutseligsten Händeschüttlern, Schulterklopfern, Phrasendreschern, Sitzungssitzern nach Jahren und Jahrzehnten schließlich Abgeordnete, Staatsekretäre, Minister, Premiers und Präsidenten werden, muss man sich fragen: Ist Politik die Herrschaft des Groben über das Feine, der Dickfelligkeit über das Zartgefühl, des Banalen über das Besondere, des Geheuchelten über das Echte, der Geistlosigkeit über den Geist?

Wenn an jedem Tag Zehntausende kleiner Kinder an Hunger sterben und das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche den Ärmsten dennoch den Gebrauch der heute zur Verfügung stehenden Verhütungsmittel untersagt, dann kann das doch nur aufgrund einer uns nicht zugänglichen höheren Form der Menschlichkeit geschehen: etwa aufgrund der Einsicht, dass es tausendmal Schlimmeres gibt als hungernde Kinder?

Es gibt bei den Nachfolgern Christi alles - außer dem, was ihr Vorbild in so hohem Maße ausgezeichnet hat. Alles außer Vorstellungsvermögen, Einbildungskraft, Einfallsreichtum, Barmherzigkeit, Instinkt, Takt, Mitgefühl, Geschmack, Toleranz. Alles außer Phantasie und Sensibilität. Alles außer Intelligenz.

Die traurige Geschichte Südamerikas etwa ist (wenn man von der Beschränktheit ihrer Hochfinanz und Kirchenfunktionäre absieht) die Geschichte der Dummheit seiner Militärs.

Liebeserklärungen sind Kniefälle vor einem höheren Wesen - die bedingungsloseste Form der Kapitulation.

Wohin man auch blickt, überall ist der gleiche dumpfe Mechanismus zu erkennen. Etliche Monate gemeinsamen Glücks, und dann zerfällt das Paar unweigerlich in einen Teil, der immer mehr, und einen, der immer weniger empfindet. Einen, der zu fliehen beginnt, und einen, der ihn verfolgt, ohne ihn je wieder einzuholen, Vor allem, weil der Flüchtende - der ja auch die große Liebe sucht - bald schon hinter einem Dritten her ist, der seinerseits vor ihm davonrennt. Bis dann schließlich auch dieses Vergnügen gestrichen wird.

Der Beschränkte erfüllt beim Begatten seine Pflicht, der Gescheite befriedigt sein Bedürfnis. Der Beschränkte glaubt, weil er es nicht besser weiß, der Gescheite glaubt wider sein besseres Wissen. Nach dem traditionellen Intelligenzbegriff wäre Religion tatsächlich "etwas für die Dummen", wie es so gerne heißt. Erst wenn man dem hier verwendeten Maßstab folgt, kann es überhaupt intelligente religiöse Menschen geben: Je größer die Phantasie, desto schrecklicher die Angst und desto stärker die Notwendigkeit, den Strohhalm zum rettenden Balken zu idealisieren.

Verlieben kann man sich erst, wenn man schon verheiratet ist.

Das Rätsel der guten Ehe: Dummheit macht tolerant.

Wenn man ihm sagt, es gebe in einer Liebe Wichtigeres als das Sexuelle, fällt ihm nichts Wichigeres ein: Alles andere könnte er ja auch in einer Freundschaft finden, und Liebe und Freundschaft sind, zumindest für ihn, keine identischen Begriffe.

Harmonische Scheidungen kann es nur geben, wenn es sich zumindest bei einem der beiden Partner um einen Beschränkten handelt und der Intelligentere derjenige war, der weg wollte. Falls zwei gleich intelligente Personen nach ihrer Scheidung gern und freiwillig miteinander verkehren, kann das nur heißen, dass sie sich schon bei der Heirat nicht besonders leidenschaftlich liebten und etwa aus Rücksicht auf einen Dritten zur Legalisierung veranlasst wurden.

Je klassischer die Musik, desto beschränkter das Publikum.

Je teurer das Bild, desto dümmer der Käufer.

Je sicherer die Meinung, desto beschränkter der Gutachter.

Je konstanter der Stil, desto korrupter der Maler.

Der Intelligente kann nur gehorchen, solange er die Kompetenz des Befehlenden voraussetzen darf - solange er an ihn glaubt.

So ist der Dumme zum Predigen geboren, der Intelligente zum Beten verdammt. Zumindest so lange, bis sich ihm die Beschränktheit seines Papstes offenbart. Und dann ist es oft zu spät.

Der Ausspruch "Der Klügere gibt nach" begründet die Weltherrschaft der Dummen.

Kommunismus funktioniert nach dem Gesetz der verordneten Dummheit: Hier verhindert eine große Dummheit - die der Politiker -, dass sich in den unteren Bereichen auch nur ein Mindestmaß an Intelligenz entwickelt. Kapitalismus funktioniert nach dem Gesetz der gewachsenen Dummheit: Dank freien Wettbewerbs kann sich hier Beschränktheit in allen Bereichen so ungestört entfalten, dass das Intelligenzvolumen der Politiker ohne maßgeblichen Einfluss auf das Geschehen ist.

 

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